Ohne Binden keine Bildung

Können Sie sich vorstellen, dass Ihnen das Geld für Monatshygiene fehlt? Und das Sie deshalb der Arbeit fernbleiben müssen? In Kenia ist das so. Schülerinnen gehen nicht zum Unterricht, weil sie ihre Periode haben. Die Familien sind so arm, dass ihnen selbst das Geld für ein Päckchen Binden fehlt. Dabei kostet so ein Päckchen umgerechnet nur einen Dollar, so viel wie in Kenia beispielsweise auch ein Paket Maismehl kostet. Doch wer gar nichts hat, dem fehlt selbst dafür das Geld. Und wer so arm ist, entscheidet sich im Zweifel für den Bauch, nicht für den Kopf.

Ohne Binden gehen die Mädchen nicht in die Schule. Allein durch ihre Periode entstehen den Mädchen enorme Fehlzeiten – einfach nur, weil sie Mädchen sind. Wenn so natürliche Merkmale darüber entscheiden, wie viel Bildung Kinder erhalten, ist Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern wirklich fern.

Um daran etwas zu ändern engagiert sich Dr. Gabriele Keßler, Gynäkologin in Weimar, mit ihrem Verein EducAid Kenya e.V. auch dafür, dass Mädchen kostenfrei Binden zur Verfügung gestellt bekommen. Menstruationstassen hält sie für keine gute Alternative, da die Familien selbst beim Feuer sparen – und sie die Cups nicht heiß genug abkochen würden. Doch das ist nur eine der vielen Baustellen, die sich in Mombasa immer wieder auftun, seit sich der Verein dort für Bildung engagiert. Die Armut in Kenia hat Keßler und ihren Mann bei einer Urlaubsreise so stark berührt, dass sie schließlich den Verein ins Leben gerufen haben. Keßler erzählt: „Natürlich könnte ich als Ärztin in Kenia auch medizinische Hilfe leisten. Aber uns wurde schnell klar, dass grundlegende Veränderungen nur über Bildung funktionieren.“ Ärztliche Unterstützung würde das Leben einzelner Menschen kurzfristig verbessern, Bildung aber kann nachhaltig die Gesellschaft prägen und die Lebensqualität in Kenia steigern.

Das sieht auch Lehrer Peter Chege aus Mombasa so. Für ihn bedeutet Bildung Unabhängigkeit – gerade für die Mädchen. Denn während die Jungs sich nach der Schule entscheiden können, wie und wo ihr Leben weitergeht, erreichen die meisten Mädchen keinen Schulabschluss, beispielsweise, weil sie vorher ungewollt schwanger werden. Chege war bis zum vergangenen Jahr Schulleiter der St. Elizabeth Academy in Mombasa, der Schule, die die Patenkinder des Vereins besuchen. Dann wurde er entlassen – er hatte dem Verein von Ungereimtheiten im Umgang mit Spenden durch die kenianische Besitzerin der Schule erzählt. Für ihn hat es oberste Priorität, dass die Hilfe aus Deutschland auch bei den Menschen ankommt, für die sie gedacht ist. Auch nach solchen Erfahrungen bleibt Chege motiviert. Er hat Visionen, mit denen er sein Heimatland zumindest ein bisschen verändern möchte – und er hat mit Familie Keßler und ihrem Verein EducAid Kenya Unterstützer, die hinter ihm stehen.

Chege weiß, dass Unabhängigkeit nicht nur der Schlüssel ist, damit sich für die nächste Generation der Kenianer etwas ändert. Chege hat auch erkannt, dass der Verein von Interessen privater Personen unabhängig sein muss, um das ureigentliche Vereinsziel zu realisieren: nämlich Schul- und Berufsausbildung für sozial schwache und benachteiligte Familien in Kenia zu ermöglichen. Deshalb möchten Chege und der Verein nun eine eigene Schule bauen. Chege ist ein Visionär. Wenn er über das Schulprojekt spricht, funkeln seine Augen, die schon ganz deutlich die neue Schule fertig vor sich sehen. Er wünscht sich, dass an dieser Schule die Patenkinder des Vereins gemeinsam mit Kindern lernen, deren Familien die Ausbildung selbst finanzieren können. Die Schule soll damit auf einer ausgeglichenen finanziellen Basis stehen und sich so selbst tragen. Er weiß, dass die Attraktivität einer Schule von Lehrern und Ausstattung abhängt. Während wir hier in Deutschland bei der Ausstattung eher an Chemie-Labore oder Sportgeräte denken, geht es dabei in Kenia um die einfachsten Grundvoraussetzungen zum Lernen: Bücher zum Beispiel. Dass die Bücher, die EducAid Kenya für St. Elizabeth zur Verfügung gestellt hat, in einem verschließbaren Metallschrank verwahrt werden, zeigt, wie wertvoll Bücher in Kenia sind.

So engagiert der Verein mit seinen etwa 110 Mitgliedern auch ist, eine eigene Schule zu bauen, ist eine ganz neue Größenordnung. Ein Grundstück für die neue Schule ist bereits gefunden, doch die Finanzierung steht noch nicht. Deshalb freut sich der Verein auch über jedwede Unterstützung. In der neuen Schule könnte auch das Thema Aufklärung anders angegangen werden. Die Scham ist in einem Land, in dem Sexualität ein Tabu ist, groß. Obwohl es Redebedarf gibt, spricht bislang kaum jemand in Kenia über Sexualität. Vor allem für Mädchen hat das gravierende Folgen – und führt nicht nur dazu, dass die Schülerinnen wegen ihrer Periode fehlen, sondern auch dazu, dass sie die Schule wegen einer Schwangerschaft abbrechen oder nicht wissen, was mit ihrem Körper passiert, wenn sie Opfer einer Vergewaltigung werden.

Zweimal hat der Verein bereits mit den Schülern über Aufklärung gesprochen. Dabei hat sich gezeigt, dass die Kinder vieles mitbekommen, sie viele Fragen haben, sie aber gar keine Antworten auf diese bekommen, berichtet Keßler. Obwohl die Familien in 1-Zimmer-Hütten hausen und jedes Familienmitglied dadurch alles mitbekommt, wird Zuhause nicht darüber gesprochen, was Sex ist und welche Konsequenzen er haben kann. Kostenlose Verhüttungsmittel gibt es in Kenia zwar, doch sie helfen nicht, wenn das Wissen fehlt, wofür sie da sind. Ein weiteres Problem ist dabei Privatsphäre, die fehlt, um mit Kondomen oder der Pille diskret umzugehen. In einer eigenen Schule würde der Verein zweimal im Jahr Gespräche anbieten, damit der Kenianische Nachwuchs auch in diesem Punkt unabhängig werden kann.

Spenden gerne an:

Educaidkenya e.V.

DE24 8205 1000 0130 0787 51

Sparkasse Mittelthüringen

Unterstützung: www.educaidkenya.de

 

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Der Verein EduCaid Kenya e.V. hat seinen Sitz in Klettbach im Weimarer Land. Ihn gibt es seit 2016, mit dem Ziel Kindern aus sozial schwachen und benachteiligten Familien die Schul- und Berufsausbildung zu ermöglichen. Derzeit hat der Verein etwa 145 Mitglieder und ca. 140 Patenkinder. In Kenia selbst wird der Verein von dem Lehrer Peter Chege, einer Ärztin und dem Vater eines der Patenkinder unterstützt.